Respekt: Gesundheit hat kein Gesicht

Gestern unterhielt ich mich mit einem Kollegen, der mir erzählte, dass er täglich Gemüsesäfte trinkt, um seinen Blutdruck zu senken. Sofort kam mir eine Studie (Werdecken & Esch, 2018) in den Sinn, die ich gelesen hatte, laut der chronischer Stress auch einen Einfluss auf den Blutdruck und die Blutfettwerte nehmen kann. Ich gab ihm munter alle Tipps und Tricks, die ich parat hatte.


Einige Stunden später begegnete mir auf Instagram der Kommentar einer jungen Frau mit Akne. Sie schrieb, dass sie sich keine gut gemeinten Ratschläge bezüglich ihrer Haut unter ihre Fotos wünscht – egal ob sie gut gemeint sind oder nicht. Auch wenn die Selbstdarstellung auf Social Media zu Rückmeldungen einlädt und dieser bestimmte Fall strittig ist, regte es mich zum Nachdenken an:

Wenn ich meinem Kollegen ungefragt Verbesserungsvorschläge mache, unterstelle ich ihm ein Problem, an dem er dringend etwas verändern sollte und dabei Hilfe braucht – also zu viel Stress, den er mindern sollte. Das zu beurteilen, steht mir nicht zu und ich kann es auch gar nicht adäquat einschätzen.


Wann ist gesundheitlicher Ratschlag also fehl am Platz?

  1. Wenn du nicht direkt gefragt wirst. Wenn du einen Tipp geben möchtest, frage einfach offen nach, bevor du dein Wissen oder deine Erfahrungen teilst: "Ich habe vor Kurzem einen Studie über den Zusammenhang von Stress und Bluthochdruck gelesen. Interessiert dich das?"

  2. Wenn du nicht die ganze Geschichte deines Gegenübers kennst. Gesundheitlichen Ratschlag kann eigentlich nur jemand geben, der die Situation des Gegenübers detailliert kennt, weiß, was er*sie schon ausprobiert hat und welche Stärken und Schwächen sein*ihr Körper hat. Der Körper ist zu komplex, um einseitige Pauschalaussagen zu treffen.

  3. Wenn du deine eigenen Wahrheiten nicht ausblenden kannst. Wir alle haben Erfahrungen mit dem Thema Gesundheit gemacht, die zu unseren Wahrheiten geworden sind: Mit nassen Haaren im Winter Rad fahren macht krank, eiskalt duschen stärkt das Immunsystem, so viel Gemüse essen wie möglich, rohes Gemüse macht mir Blähungen, zu viel Arbeit stresst mich, zuhause rum sitzen macht mich depressiv … Gesundheit hat so viele Gesichter – ich möchte mir kein Urteil erlauben.

Ich habe daraus gelernt, mehr von mir zu teilen und weniger Ratschläge für andere zu geben. Jedem*r eine Hand hinzuhalten, aber niemanden ungefragt an der Hand zu nehmen.

Jedem*r zu seinem Ideal verhelfen, aber niemanden in seinen*ihren Idealen korrigieren.


Meinen Kollegen habe ich gefragt, ob ihm die Situation negativ aufgefallen ist und er wünscht sich meine Gedanken zu dem Thema auch weiterhin.

Ich sag dir schon, wenn es mir zu viel wird :) Prima!

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